Bargstedt 07.03.09

Früh halb 8 war dann Aufstehen angesagt und mit einem schönen Frühstück den Tag beginnen. Heute sollte die Bedeutung von Reisen mit dem Auto eine ganz neue Bedeutung bekommen. Aber erstmal hieß es, die Route heraus zu schreiben. Das Besondere an der Sache war, dass ich nicht auf der Autobahn entlang rasen wollte, sondern alles auf der Landstraße zurücklegen, um doch noch etwas vom Land mitzubekommen. Zeitmäßig war es die dümmste Entscheidung, denn ich war sage und schreibe über 6 Stunden unterwegs, aber allein von den Eindrücken war es das Beste und Schönste, was so in der letzten Zeit zu erleben war.
Allerdings fing der Tag erst einmal gar nicht so rosig an. Es nieselte und auf der Tankstelle verlor erst einmal jede Lust ihr Ende. Erst fuhr ich von der falschen Seite rein, dann wollte ich drehen, doch ein anderer schnappte mir den Platz vor der Nase weg und als ich dann endlich in Reihe und Glied stand, wies ein Schild darauf hin, dass keine EC-Kartenzahlung möglich ist – ausgebremst und entnervt startete ich. Auch der erste Teil der Strecke entlockte mir nicht grade romantisch schöne Gefühle über Natur und Landschaft, denn es ging aus Berlin raus und durch Falkensee. Mein Gott so einen traurigen Anblick, wie den rechts und links von der Falkenseer Chaussee kann man kaum beschreiben. Graue Wohnblöcke so weit das Auge reicht, manchmal so kleine Fenster, dass man sich schwer vorstellen kann, dass ein Kopf durch passt, riesengroße Zementriesen, ineinander verschachtelt durch betonierte Parkplatzflächen voneinander getrennt. Dazu Spielplätze verlassen, alt, wobei der Rost sich schon durch die Stangen gefressen hat und jegliche Farbe abgeblättert ist. Eine gruselige Vorstellung des Aufwachsens. Vereinzelt noch einmal ein Supermarkt, desillusionierte Jugendliche hängen herum und warten – doch auf was? Natürlich wurde dieses Bild durch die tiefhängenden grauen Regenwolken nicht grad verschönert und trostlos fuhr ich die lange, nicht enden wollende Straße weiter geradeaus. In Rathenow hielt ich kurz bei einem Einkaufscenter und genehmigte mir beim Bäcker einen Kaffee, bevor es weiterging. Aber fürs erste wurde es nicht wirklich viel schöner. Wind- und Industrieparks dominieren die Stadtbilder. Alles wirkt so zusammengeschustert, schnell und zweckmäßig hochgezogen, funktional, doch rein gar nicht ins Stadtbild passend, keine Spur von Ästhetik. Oft sah man von Weitem Kirchturmspitzen und Burgdächer, die eine schöne Altstadt vermuten ließen, doch davor platte weiße Fertigteilhallen mit großen Firmenschildern, die den Besitzstand ausweisen. Doch wie schön wurde es dann in Niedersachsen. Das Begrüßungsschild passiert und schon fuhr man durch kleine Dörfer mit riesigen Gutshäusern und Bauerhöfen – wunderschön. Alles erstrahlt in einheitlichen Ziegelsteinen und Reetdächern. Man fährt durch Birkenalleen, rechts und links säumen Mischwälder und Koppeln mit Pferden die Straße. Und dazu kam prompt in diesem Moment die Sonne heraus. Ich konnte mich überhaupt nicht satt sehen – ein Dorf schöner als das andere, alte Baumbestände, welche die einzelnen Höfe einrahmen und die Kulisse perfekt erscheinen lassen. Niedersachsen, das Land mit dem Symbol des weißen Pferdes auf rotem Untergrund und es passt – rote Häuser und überall Pferde, wohin das Auge blickt. Kein Wunder also, dass ich nur langsam voran kam. Zwischendurch hielt ich noch manchmal an, um mir einen besonders schönen Ort genauer anzuschauen. So verschlug es mich auch auf einen kleinen Friedhof, der etwas abseits der Straße lag. Aber das Einmalige war die alte Kapelle, die in der Mitte stand. Diese war nur noch eine Ruine, die sich in mit ihren Gemäuerzacken vor dem Wald und dem Himmel abhob. Teilweise waren noch die Umrisse der Fenster zu erkennen, um die sich das Efeu rankte. Auf der einen Seite wuchs über einem Mauerrest eine riesige Eiche, die mit ihrer Laubkrone alles überragte – sehr mysthisch und eine leichte Gänsehaut krabbelte mir über den Rücken. Weiter ging es und endlich nach langer Fahrt erreichte ich Bargstedt. Ein Ort, so idyllisch wie auch schon die anderen Dörfer, die ich vorher passierte und das Zuhause von Anne-Dore, einer Freundin aus Leipzig. Sie kam mir dann auch gleich entgegen, ich wurde also schon ungeduldig erwartet 😉 Ach, wie schön war das Wiedersehen und auf dem Tisch stand auch schon ein wunderbarer Kuchen, den die Mama extra gebacken hatte. So wurde erst einmal ein bisschen gemeinsam „“geschnackt““, die restliche Familie gesellte sich dann auch nach und nach dazu und später ging es gleich zu einem Spaziergang durch das Dorf. Ach, alles wirkt hier wie aus einem Bilderbuch, nur der eine Hof, wo die Zirkusleute ihr Winterquartier haben, sticht aus dem idyllischen Einheitsbild hervor. Jaja, den Anblick kenn ich doch irgendwo her 😉 Dann ging es an Koppeln mit Schafen und kleinen Lämmern vorbei, wobei sich eins vor lauter Gier nach den mitgebrachten Äpfeln im Zaun verfing und nur mit Mühe und Dores berherztem Eingreifen errettet wurde. Zum Abend fuhren wir dann nach Stade-City – also auch wenn ich mich hier noch 1000 Mal wiederhole – einfach nur wunder-, wunderschön. Ich nur am Staunen über so etwas Tolles und Dore nur am Staunen über meine Oh’s und Ah’s 😉
An einem Kanal, der sich durch die Stadt nahmen wir dann Platz bei einem Spanier und schlemmten, was das Zeug hielt ohne Rücksicht auf Preise – aber heute durften wir mal. Es war trotzdem eine schwierige Entscheidung beim Durchforsten der Karte, aber am Ende platzte der Tisch aus allen Nähten und wir mussten dann sogar umziehen, damit die Teller nicht noch auf dem Boden ihren Platz fanden. Und zum krönenden Abschluss ging es anschließend noch in die „“Dorfdisco““ am Platz. Naja, und auch dieser Anblick bot nur vertraute Bilder aus der Jugend. Außer, dass es hier definitiv wesentlich mehr Jugendliche gibt, als bei uns. Der Laden war gerammelt voll und zu Liedern, die schon vor 10 Jahren Hits waren, sprangen Junge und Jüngere um uns herum, die Mixgetränke flossen in Strömen, denn schließlich ist „“Geiz ist Geil““-Party und wir mitten drin. Ich fand es extrem witzig und ein wahres Beobachtungsparadies, aber ich glaub Dore hätte auch darauf verzichten können. Würde mir zuhause ganz genauso gehen. Aber ich kannte keinen und mich kannte keiner, somit hatte ich Spaß an der ganzen Sache. Aber alt sind wir da dann doch nicht geworden und als sich auf der Straße dann angeschrien wurde, hieß es für uns, den Heimflug anzutreten. Ein rundum wunderbarer Tag, voller lebhafter Eindrücke und Emotionen.

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