Quito – 2. Tag

So, es wird Zeit, wieder etwas nachzuholen… Aber es ist wohl ein ganz gutes Zeichen, dass ich etwas nachlaessig mit dem Schreiben werde, denn mein Tag ist hier im Hostel ganz gut verplant mit dem Spanischkurs, netten Leuten, die man trifft oder Unternehmungen in und um Quito.
Ich muss zugeben, dass ich in den ersten Tagen schon noch ziemlich verunsichert rumhing und nichts richtig mit mir anzufangen wusste, noch mit der Stadt in der ich jetzt steckte. Somit nutzte ich den Sonntag, um mir erstmal einen kleinen Ueberblick zu verschaffen und schlenderte in die Altstadt, die ich ja schon am Tag zuvor bei Nacht erlebt habe. Von meinem Hostel ist ein Katzensprung. Doch auf dem Weg in die Stadt war mir schon etwas mulmig, zu praesent die Geschichten von Ueberfaellen und zu wenig Leute auf der Strasse. Die Gefuehlswelt reichte von neugierig, gespannt ueber aengstlich und vorsichtig. Aber natuerlich passierte nichts Schlimmes. Mein Programm war strikt geplant, denn es war Sonntag und die Oeffnungszeiten der einzelnen Kirchen mussten genau aufeinander abgestimmt werden. Ich schlenderte durch die kleinen, engen Strassen vorbei an alten Haeusern im Kolonialstil mit Stukverzierungen, kleinen Balkonen und bunten Gebrauchsmittellaeden, aus denen mir Musik entgegentraellert – traditionelle spanische, Reggae oder guter englische Klassik. Meine erste Station ist das Kloster San Francisco – in der Nacht schon der schoenste Anblick erstreckt es sich hinter einem kopfsteingepflasterten Platz etwas hoeher gelegen mit seinen zwei weissen spitzen Tuermen, die sich vor dem strahlend blauen Himmel abheben, umgeben von riesigen Schaefchenwolken. Ich komme genau zur Sonntagsmesse, die bis auf den letzten Platz voll besucht ist – Familien, bei denen der Vater seine kleine Tochter in der hier typischen Tragedecke haelt, alte Leute und offensichtlich arme Menschen vermischen sich mit modisch gekleideten Ecuadorianern und umhertigernden Touristen, welche eher an der Architektur als an der Predigt interessiert sind. Der Kirchinnenraum ist wunderschoen, die Waende sind reich verziert mit Ikonenbildern und goldaehnlichen Stukverzierungen, die sich ueber die kompletten Waende bis an die Decke ziehen. Der Boden besteht aus alten Holzdielen und hinter dem Redner erstreckt sich ein riesiges Wandgemaelde, Die Seitenschiffe liegen im Dunkeln und sind ebenfalls mit viel Stuk Figuren aus Stein verziert. Die Atmosphaere ist locker und sehr behaglich, danach zieht es mich in den Innenhof, in dem Freiwillige Essen an Beduerftige ausgeben und Fransikanermoenche unter Palmen mit Glaeubigen zusammensitzen. Auch ich lasse mich kurz auf einer Bank nieder, da erscheint neben mir eine alte, sehr kleine Frau. Sie sieht wunderschoen aus – die tiefen Falten, die ihr Gesicht umspielen, die kleinen, strahlenden Augen, die mich anlachen und das herzliche Laecheln. Hier fuehlte ich das erste Mal tiefe Enttaeuschung darueber, dass ich kein Wort Spanisch verstand. Denn obwohl ich ihr sagte, dass ich kein Spanisch spreche, redete sie beinahe 10 Minuten mit ihr, doch ausser Nicken und Laecheln blieb mir nichts weiter zur Konversation beizutragen. 🙁 Nach einer Weile verabschiedete ich mich von ihr und setzte mich noch kurz draussen auf die Treppen, um die Kinder dabei zu beobachten, wie sie die Taubenschwaerme auf dem Platz in Bewegung brachten. Danach ging es noch in zwei andere Kirchen, die aber weder von der Fuelle noch der Atmosphaere an die eben besuchte heran reichten. Anschliessend versuchte ich den Eingang zum Centro Cultural Metropolitano zu finden, das kulturelle Zentrum. Der Wachmann war dann so nett, mir den Eingang zu zeigen. Eine Schlange bildete sich vor dem Einlass, hauptsaechlich gut verdienende Einheimische. Ich konnte mir gar nicht erklaeren, warum sie hier anstehen, aber ich stellte mich erst einmal dazu – kann ja nicht schaden ;). Ich fragte dann einen Mann und er antwortete: Das ist das Museum. Hmm, gut, aber wieso anstehen? In der Zwischenzeit kamen kleine Indio-Maedchen mit bunten, duennen Tuechern an, welche von den wartenden Frauen betrachtet wurden. Das eine Maedchen war wunder-, wunderhuebsch. Die ganze Zeit laechelte sie mit ihren strahlend weissen Zaehnen und braunen Kulleraugen. Ihre schwarzen, dicken Haare hatte sie zu einem Zopf geflochten. Ich konnte mich gar nicht an ihr satt sehen. Dann ging es ins Museum und sowas habe ich noch nicht erlebt. Das Museum bestand aus mehreren Raeumen, in denen die Geschichte von Quito erzaehlt wird und in jedem Raum wartete ein anderes Maedchen (ich vermute Schuelerinnen), welches uns etwas erklaerte. Zum anderen war das Museum sehr interaktiv mit kleinen eingespielten Filmen, Modellen und vielen nachgestellten geschichtlichen Szenen in Form von menschengrossen Puppen. Das einzige Problem war, dass ich leider kaum etwas verstand, aber die Ausstattung und Aufmachung machten es auch so zu einem Erlebnis. So wuerde man sich jedes Museum wuenschen, es war so gut und interessant und die jeweiligen Vortragenden machten es dazu noch aeusserst sympathisch. Wieder draussen auf der Strasse kam ich mitten in eine Menschentraube rein, die einen grossen Kreis bildete. Erst sah ich gar nicht, warum, doch dann erkannte ich einen Strassenkuenstler – so witzig! Ich lag am Ende auf dem Boden vor Lachen. Er war ein Imitator, der Leute, die vorbei gingen imitierte, im Laufstil, die Handbewegungen. Der witzigste Moment war allerdings, als eine Pferdekutsche vorbei fuhr: er setzte sich neben das Pferd, trottete daneben her, wippte mit dem Kopf zur Seite und schnaubte herzhaft. Mir standen Traenen vor Lachen in den Augen. Das Zentrum der Altstadt bildet der Plaza Grande, wo sich unter Palmen und im Gruenen, zahlreiche Menschen tummeln – Kleinkuenstler, Jungs, die Fussball spielen, Bettler, Touristen – es ist ein buntes Durcheinander. Da es langsam Nachmittag war und damit Siesta-Zeit, konnte man nicht viel machen. Ich ging in ein Restaurant, nach dessen Besuch ich mich etwas aergerte. Am Ende bezahlte ich naemlich relativ viel Geld fuer ein Pesto, das kalt war mit harten Nudeln und Rahmspinat und einer Nachspeise, die so bitter war, dass ich die Haelfte wieder zurueck geben musste. Aber naja. Allerdings haben mir dann die 4 Stunden fuers erste gereicht und ich genoss den Nachmittag auf der Dachterasse des Hostels mit diesem grossartigen Blick ueber die ganze Altstadt und der Basilica, welche sich ueber die kleinen Haeuser erhebt. Besonders schoen ist es jedes Mal, wenn langsam die Nacht reinbricht und die Lichter in der Stadt eingehen – jeden Abend ein neues Erlebnis!
Allerdings merke ich auch daran, dass ich noch immer nicht so recht in Reisestimmung bin, dass ich oft von der „“Masse““ an Travellern auf der Terasse etwas genervt bin, besonders von den Amis und Briten – sie sind laut und bis jetzt konnte ich mich noch nicht wieder recht reinhoeren in die verschiedenen Dialekte. Es ist mir am Ende einfach zu anstrengend und so fuehlte ich mich zu Beginn mit meinem Buch und dem Ausblick wohler als in dem Gewuehl von Backpackern und ihren ganzen Geschichten, doch langsam, langsam bessert sich auch das. Anfangs wirkte es teilweise wie eine Riesenwelle, der man sich kaum entziehen konnte. Das Abendessen im Hostel ist ein Traum. Auf die Dauer zu teuer, aber immer superlecker und abwechslungsreich.

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